Schadensersatz und Ausgleichsanspruch wegen Flugannullierung

Der Bun­des­ge­richts­hof hat ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gerich­tet und dem Uni­ons­ge­richts­hof die Fra­ge vor­ge­legt, ob und gege­be­nen­falls inwie­weit und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Scha­den­er­satz­an­spruch, der auf die Erstat­tung von zusätz­li­chen Rei­se­kos­ten gerich­tet ist, die durch die Annul­lie­rung eines gebuch­ten Flugs ent­ste­hen, auf den Anspruch auf eine pau­scha­lier­te Aus­gleichs­leis­tung nach Art. 5 Abs. 1 Buchst. c, Art. 7 Abs. 1 Buchst. a der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung 261/2004/EG anzu­rech­nen ist.

Schadensersatz und Ausgleichsanspruch wegen Flugannullierung

In dem ers­ten beim Bun­des­ge­richts­hof anhän­gi­gen Revi­si­ons­ver­fah­ren1 buch­te der Klä­ger für sich und sei­ne Fami­lie bei dem beklag­ten Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men für den 27. März 2010 einen Flug von Ber­lin-Schö­ne­feld nach Mai­land-Mal­pen­sa, des­sen Start für 6.35 Uhr vor­ge­se­hen war. Bei der Ankunft am Flug­ha­fen erfuh­ren die drei Rei­sen­den, dass die Beklag­te den gebuch­ten Flug annul­liert hat­te, und buch­ten bei einem ande­ren Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men einen Ersatz­flug nach Ber­ga­mo. Da die Rei­sen­den ein an dem­sel­ben Tag um 16 Uhr in Genua able­gen­des Kreuz­fahrt­schiff errei­chen woll­ten, dies mit dem Ersatz­flug jedoch nicht mög­lich war, fuh­ren sie von Ber­ga­mo über Mai­land und Rom nach Civi­ta­vec­chia, wo sie über­nach­te­ten und am nächs­ten Tag das plan­mä­ßig dort anle­gen­de Kreuz­fahrt­schiff bestie­gen. Der Klä­ger hat die Kos­ten für den Ersatz­flug, den Wei­ter­trans­port nach Civi­ta­vec­chia, Über­nach­tung und Ver­pfle­gung sowie eine Aus­gleichs­zah­lung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung gel­tend gemacht. Die Beklag­te hat die Pflicht zur Erstat­tung der ent­stan­de­nen Kos­ten, die den Aus­gleichs­an­spruch über­stie­gen, aner­kannt und sich wegen des Aus­gleichs­an­spruchs auf Art. 12 Abs. 1 Satz 2 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung beru­fen.

Die Klä­ge­rin des zwei­ten beim Bun­des­ge­richts­hof anhän­gi­gen Revi­si­ons­ver­fah­rens2 buch­te für sich und ihren Ehe­mann bei dem beklag­ten Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men für den 30. März 2010 einen Flug von Ber­lin-Schö­ne­feld nach Niz­za. Bei der Ankunft am Flug­ha­fen erfuh­ren die bei­den Rei­sen­den, dass die Beklag­te den gebuch­ten Flug annul­liert hat­te. Die Klä­ge­rin und ihr Mann buch­ten dar­auf­hin bei einem ande­ren Luft­fahrt­un­ter­neh­men einen Flug nach Niz­za, der am nächs­ten Tag star­ten soll­te, fuh­ren mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln nach Hau­se und nah­men am nächs­ten Tag den Ersatz­flug. Das im Vor­aus gebuch­te Hotel­zim­mer in Niz­za für die auf den geplan­ten Ankunfts­tag fol­gen­de Nacht konn­ten sie nicht nut­zen, es wur­de ihnen aber in Rech­nung gestellt. Die Klä­ge­rin hat aus eige­nem und abge­tre­te­nem Recht ihres Ehe­man­nes die Kos­ten für den Ersatz­flug, die Fahrt­kos­ten vom Flug­ha­fen nach Hau­se, die Kos­ten für das nicht genutz­te Hotel­zim­mer in Niz­za und Por­to­kos­ten sowie eine Aus­gleichs­zah­lung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung gel­tend gemacht. Die Beklag­te erbrach­te an die Klä­ge­rin die ver­lang­te Aus­gleichs­leis­tung und erstat­te­te den Preis des annul­lier­ten Flugs; inso­weit haben die Par­tei­en den Rechts­streit für erle­digt erklärt. Außer­dem hat die Beklag­te ihre Pflicht aner­kannt, an die Klä­ge­rin die Sum­me der von ihr gel­tend gemach­ten Kos­ten abzüg­lich des erstat­te­ten Flug­prei­ses und der geleis­te­ten Aus­gleichs­zah­lung zu zah­len. Wegen der ver­blei­ben­den Kla­ge­sum­me, deren Höhe der erbrach­ten Aus­gleichs­zah­lung ent­spricht, hat sie sich wie­der­um auf Art. 12 Abs. 1 Satz 2 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung beru­fen.

Die erst­in­stanz­lich mit den bei­den Kla­gen befass­ten Amts­ge­rich­te haben in bei­den Ver­fah­ren die Beklag­te ent­spre­chend ihrem jewei­li­gen Aner­kennt­nis ver­ur­teilt und die wei­ter­ge­hen­de Kla­ge abge­wie­sen3. Die gegen die Teil­ab­wei­sun­gen gerich­te­ten Beru­fun­gen der Klä­ger hat­ten vor dem Land­ge­richt Pots­dam kei­nen Erfolg4. Der Flug­gast kön­ne zwi­schen der pau­scha­len Aus­gleichs­zah­lung nach Art. 7 der Ver­ord­nung als Min­dest­an­spruch und der kon­kre­ten Scha­dens­be­rech­nung wäh­len, aber nicht bei­de Leis­tun­gen neben­ein­an­der ver­lan­gen. Hier­ge­gen rich­tet sich in bei­den Ver­fah­ren die Revi­si­on der Klä­ger.

Durch die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist inso­weit bis­her ledig­lich geklärt, dass ein Scha­den­er­satz­an­spruch dann nicht auf den Aus­gleichs­an­spruch ange­rech­net wer­den kann, wenn er dar­auf gestützt wird oder wer­den könn­te, dass das Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men sei­ne Unter­stüt­zungs- und Betreu­ungs­pflich­ten nach Art. 8 oder Art. 9 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung ver­letzt hat, ins­be­son­de­re indem es kei­nen Ersatz­flug ange­bo­ten hat.

Eine Ver­let­zung die­ser Pflich­ten haben die Beru­fungs­ge­rich­te in den Streit­fäl­len jedoch nicht fest­ge­stellt. Der jeweils zuge­spro­che­ne Scha­dens­er­satz­an­spruch beruht viel­mehr allein auf natio­na­lem deut­schem Recht, näm­lich der Nicht­er­fül­lung des Luft­be­för­de­rungs­ver­trags durch die Annul­lie­rung des gebuch­ten Flugs. Ob nach Art. 12 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung in einem sol­chen Fall eine wech­sel­sei­ti­ge Anrech­nung von Aus­gleichs- und Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen in Betracht kommt, sieht der Bun­des­ge­richts­hof als unge­klärt an.

Soll­te eine Anrech­nung grund­sätz­lich mög­lich sein, ist des Wei­te­ren unge­klärt, ob zwi­schen den Kos­ten der Ersatz­be­för­de­rung zum End­ziel der Flug­rei­se und wei­te­ren Kos­ten­po­si­tio­nen, die in bei­den Ver­fah­ren von den Klä­gern gel­tend gemacht wor­den sind (Wei­ter­rei­se nach Civi­ta­vec­chia im ers­ten Fall, nutz­los auf­ge­wen­de­te Hotel­kos­ten im zwei­ten), zu dif­fe­ren­zie­ren ist. Art. 5 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung könn­te zu ent­neh­men sein, dass das Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men neben der Aus­gleichs­zah­lung ledig­lich zur voll­stän­di­gen Erstat­tung der Art. 8 und 9 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung unter­fal­len­den Kos­ten­po­si­tio­nen ver­pflich­tet sein soll. Die Anrech­nung könn­te aber auch hin­sicht­lich sämt­li­cher Kos­ten­po­si­tio­nen aus­ge­schlos­sen sein, da der nach den Ent­schei­dun­gen des Gerichts­hofs mit der Aus­gleichs­zah­lung ver­folg­te Zweck, infol­ge des Zeit­ver­lusts ein­ge­tre­te­ne Unan­nehm­lich­kei­ten aus­zu­glei­chen, eine sol­che Dif­fe­ren­zie­rung nicht zwin­gend erfor­dert, wenn die Rei­sen­den – wie in den Streit­fäl­len – auch mit dem Ersatz­flug erst mit erheb­li­cher Ver­spä­tung am End­ziel ange­kom­men sind.

Soll­te – jeden­falls teil­wei­se – eine Anrech­nung des Scha­dens­er­satz­an­spruchs auf den Aus­gleichs­an­spruch mög­lich sein, ist schließ­lich zu klä­ren, ob das Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men die Anrech­nung ohne wei­te­res vor­neh­men kann oder ob sie von wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen abhän­gig ist. In Betracht kom­men drei Mög­lich­kei­ten:

  1. Das Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men kann ein Recht zur Anrech­nung haben; der Ver­zicht hier­auf wäre dann eine Kulanz­leis­tung.
  2. Die Fra­ge der Anre­chen­bar­keit ist – eben­so wie die Gewäh­rung eines wei­ter­ge­hen­den Scha­dens­er­satz­an­spruchs selbst (Art. 12 Satz 1 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung ) – der Ent­schei­dung des natio­na­len Gesetz­ge­bers vor­be­hal­ten.
  3. Die Gerich­te ent­schei­den über die Anrech­nung im Ein­zel­fall unter Berück­sich­ti­gung sich aus dem Uni­ons­recht (der Ver­ord­nung) erge­ben­der Wer­tun­gen.

Soll­te über die Anrech­nung nach natio­na­lem Recht zu ent­schei­den sein, kommt es schließ­lich dar­auf an, wel­che Beein­träch­ti­gung die Aus­gleichs­zah­lung nach Art. 7 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung kom­pen­sie­ren soll. Denn nach deut­schem Recht könn­ten Ersatz­leis­tun­gen für den mate­ri­el­len Scha­den auf imma­te­ri­el­le Nach­tei­le nicht ange­rech­net wer­den und umge­kehrt. Daher schei­de eine Anrech­nung aus, wenn die Aus­gleichs­zah­lung nach Art. 7 der Ver­ord­nung nur dem Aus­gleich imma­te­ri­el­ler Schä­den dien­te, da dem­ge­gen­über mit den von den Klä­gern gel­tend gemach­ten Scha­den­er­satz­an­sprü­chen Ver­mö­gens­schä­den aus­ge­gli­chen wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Juli 2013 — X ZR 11112 und X ZR 11312

  1. BGH — X ZR 11112 []
  2. BGH — X ZR 11312 []
  3. u.a. AG Königs Wus­ter­hau­sen, Urtei­le vom 08.12.2010 — 9 C 27410 []
  4. LG Pots­dam, Urtei­le vom 15.08.2012 — 13 S 2411 u.a. []